In Gedenken an:

#keinschlussstrich

MANİFEST(O)

– ein polytopisches Oratorium von Marc Sinan
für die Opfer des sogenannten NSU

Herbst 2021, 21 Jahre nach dem Mord an Enver Şimşek, dem Ersten in der Mordserie des NSU-Terrors, zehn Jahre nach dem Öffentlichwerden des sogenannten NSU, sind die Hintergründe der Taten längst nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil verfestigen sich Rechtsradikalismus, Verachtung und Fremdenfeindlichkeit zunehmend tiefer in der Gesellschaft.
Marc Sinans polytopisches Oratorium MANİFEST(O) (türkisch für „Manifest“) vereint sieben, an Schlüsselorten der Taten des sogenannten NSU aufgeführte Einzelperformances in einem abendfüllenden Werk. Aus diesen einzelnen Stimmen entstand Ende Oktober 2021 MANİFEST(O) als grenzüberschreitendes, Geschichte und Orte verbindendes Oratorium mit Orchester, Chören und Solist:innen.

Das Oratorium MANİFEST(O) und sieben Einzelperformances fanden dabei stets gleichzeitig an verschiedenen Orten in Deutschland statt und waren digital miteinander verbunden.
Auf dieser Website finden sich die Dokumentationen aller Einzelprojekte, so wie sie jeweils für sich zu hören und zu sehen waren und wie sie als Livezuschaltung, Teil des Orchesterwerkes Manifest(o) an den zentralen Konzertorten Jena und Nürnberg wurden.

JENA / NÜRNBERG

MANİFEST(O)

Rituale erzählen das Leben, erzählen den Tod. Rituale sind Beginn und Abschied und beides zugleich. Rituale durchbrechen das Alltägliche, machen Unsichtbares sichtbar, können soziale Ordnungen wiederherstellen, nach Krisen, nach Katastrophen Wunden heilen und aufs Neue aufbrechen. Rituale sind Küsse, sind Bisse. Rituale sind Reinigung, Verwirrung, Provokation. Rituale können Klage führen, nach Rache und Vergeltung rufen, die Liebe besingen, um Vergebung bitten, das Erinnern erinnern, das Vergessen vergessen machen.

In einer Gesellschaft, die sich so rasant wandelt, die so divers ist, wie Menschen es sich nur wünschen können, ist es notwendig, neue Rituale zu erfinden und sie zu vergessen, zu erfinden, zu vergessen.

Um unseretwillen.

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In Jena und Nürnberg spielen die Jenaer Philharmoniker gemeinsam mit Fanny Sel Baute, Naz Yilmaz, Iva Bittová, Andreas Fischer, Katia Guedes, Meinrad Kneer, Johanna Krödel, Saša Mirković, Johanna Vargas, Jenaer Philharmonie, AuditivVokal Dresden, Knabenchor der Jenaer Philharmonie unter der Leitung von Simon Gaudenz

Kassel

DIE ABWESENHEIT GOTTES / TANRI’NIN YOKLUĞU

Ritual des Verlusts

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In Kassel konnten Besucher:innen in einer interaktiven Installation die Orgel der Martinskirche zum klingen bringen.

Hamburg / Chemnitz

BLINDE LIEBE / KÖR AŞK

Ritual der Trauer

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In Hamburg und Chemnitz spielten Derya Yıldırım, Greta Eacott und Tobias Levin

Rostock

DIE ANWESENHEIT DES MENSCHEN / İNTİKAM SUNAĞI

Ritual der Rebellion

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In Rostock spielten Jugendliche mit dem Schlagzeuger Daniel Eichholz und dem Multiinstrumentalisten Christian Kuzio.

Hamburg / München / Heilbronn / Nürnberg / Jena / Chemnitz / Eisenach / Plauen

DER ALTAR DER RACHE / İNTIKAM SUNAĞI

Ritual der Reinigung

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In Hamburg, München, Heilbronn, Nürnberg, Jena, Chemnitz, Eisenach und Plauen spielten Jelena Kuljić, Mateja Meded, Mirko Borscht und Volkan T error.

Heilbronn / München / Zwickau

GLÜHENDER HASS / YANAN NEFRET

Ritual der Vergeltung

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In Heilbronn, München, Zwickau spielte Oğuz Büyükberber

Nürnberg / Heilbronn / München / Rudolstadt / Kassel / Dortmund

GLEISSENDES LICHT / PARLAYAN NUR

Ritual der Reinigung

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In Nürnberg, Heilbronn, München, Rudolstadt, Kassel, Dortmund spielte Emre Elivar

Köln / Dortmund / Nürnberg

DER CHOR DER VERGEBUNG / AFFETME KOROSU

Ritual der Vergebung

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In Köln, Dortmund, Nürnberg sangen Laienchöre aus den jeweiligen Städten.

MANİFEST(O) entstand im Auftrag des Licht ins Dunkel e.V. als Beitrag zu dem bundesweiten Theaterprojekt Kein Schlussstrich!, in dessen Rahmen vom 21. Oktober bis 7. November 2021 in 15 deutschen Städten künstlerische und zivilgesellschaftliche Interventionen zum NSU-Komplex stattfanden.

Die Projektträger sind der ASA-FF e.V. in Chemnitz, die Theater Chemnitz, das Dietrich-Keuning-Haus Dortmund (in Trägerschaft der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund), das Landestheater Eisenach / Meininger Staatstheater, Kampnagel Hamburg, das Theater Heilbronn, JenaKultur, das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Münchner Kammerspiele und Real München e.V., Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt, Deutsches Nationaltheater und Staatstkapelle Weimar.

Weitere Informationen unter: https://kein-schlussstrich.de/

MANİFEST(O) wird produziert durch die YMUSIC GmbH, Berlin.

Enver Şimşek

(geb. 1961) war das erste Opfer des sog. NSU. Der 38-jährige Vater von zwei Kindern wurde am 9. September 2000 vor seinem Blumenstand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei verschiedenen Waffen niedergeschossen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Abdurrahim Özüdoğru

(geb. 1952) wurde am 13. Juni 2001 mit zwei Schüssen in den Kopf ebenfalls in Nürnberg getötet und anschließend für das Bekennervideo des sog. NSU fotografiert. Der 49-jährige Vater einer Tochter arbeitete nach dem Studium des Maschinenbaus als Metallfacharbeiter und betrieb gemeinsam mit seiner Frau in der Nürnberger Südstadt eine Schneiderei.

İsmail Yaşar

(geb. 1955) kam als junger Mann nach Deutschland. Nach Heirat und Geburt der beiden Kinder betrieb er in Nürnberg eine Schneiderei und einen Second-Hand-Laden. Gegenüber der Schule seines Sohns eröffnete er 2002 einen Dönerimbiss. Dort wurde er am 9. Juni 2005 erschossen. Bis zu acht Schüsse wurden auf ihn abgefeuert.

Habil Kılıç

(geb. 1963) zog als junger Mann aus Ankara zu seiner Frau nach München, wo auch die gemeinsame Tochter geboren wird. Hauptberuflich arbeitete er in der Großmarkthalle. Zudem unterstütze er seine Frau im gemeinsamen Obst- und Gemüseladen, in dem er am 29. August 2001 durch zwei Schüsse ermordet wurde.

Theodoros Boulgarides

(geb. 1964) kam mit seiner Familie 1973 aus Griechenland nach München. Nach Abitur und Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann arbeitete er bei Siemens und Deutscher Bahn und machte sich später mit einem Schlüsseldienst selbstständig. Am 15. Juni 2005 wurde er in seinem Laden erschossen. Er hinterließ seine Frau und zwei Kinder.

Süleyman Taşköprü

(geb. 1970) wurde nur 31 Jahre alt. Als Kind kam er aus der Türkei nach Deutschland. Er übernahm wenige Monate vor seiner Ermordung den Lebensmittelladen seines Vaters in Hamburg Bahrenfeld. Am 27. Juni 2001 wurde der Vater einer Tochter dort erschossen.

Mehmet Turgut

(geb. 1977), fünftes NSU-Mordopfer, starb am 25. Februar 2004 durch drei Kopfschüsse vor einem Dönerimbiss in Rostock. Der 25-Jährige war erst wenige Woche zuvor von Hamburg nach Rostock gezogen und arbeitete als Aushilfe am Tattag im Imbiss seines Freunds.

Mehmet Kubaşık

(geb. 1966) floh als alevitischer Kurde mit Frau und Tochter 1991 aus der Türkei nach Deutschland und erhielt politisches Asyl. Seine Söhne kamen in Deutschland zur Welt, 2003 nahm die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er machte sich mit einem Kiosk in Dortmund selbständig, wo er am 4. April 2006 erschossen wurde.

Halit Yozgat

(geb. 1985) wurde am 6. April 2006 und damit nur zwei Tage nach Kubaşık mit zwei Kopfschüssen in einem von ihm und seinem Vater betriebenen Internetcafé in Kassel getötet. Er wurde in Kassel geboren, ging hier zur Schule und nahm 2003 die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er besuchte die Abendschule, um dort das Abitur nachzuholen und danach Informatik zu studieren. Yozgat war das jüngste NSU-Opfer.

Michèle Kiesewetter

(geb. 1984) wuchs in Thüringen auf. Sie kam zur Ausbildung nach Baden-Württemberg, die sie mit 19 Jahren als Polizistin abschloss. Sie wurde am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen und ist das letzte bislang bekannte NSU-Opfer. Die 22-Jährige war mit einem Kollegen im Einsatz, der lebensgefährlich verletzt wurde, aber überlebte. Die Dienstwaffen beider Polizisten wurden später bei Mundlos und Böhnhardt in Eisenach gefunden.

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